6.3 Allgemeiner Ablauf einer Haartransplantation

6.3.1 Vorbereitung am Tag des Eingriffs

Um Ihnen Nervosität und Unruhe zu nehmen (immerhin müssen Sie auch viele Stunden stillsitzen oder liegen), empfehlen die meisten Ärzte vor dem Eingriff die Einnahme eines Beruhigungsmittels (meist Midazolam).

Sie legen zunächst OP-Kleidung an, dann erfolgt eine letzte Besprechung mit Ihrem behandelnden Arzt. Unbedingt sinnvoll ist die fotographische Dokumentation Ihrer Haarsituation.

Im Vorbereitungsraum wird Ihr Haar in den Donor- und Empfängerregionen rasiert bzw. bis auf wenige Millimeter gekürzt, sofern Sie mit Ihrem Behandler nichts anderes vereinbart haben. Der Verzicht auf die Rasur ist bei einer FUE-Prozedur unter Umständen möglich, jedoch wird die Entnahme der Grafts dadurch komplizierter und teurer. Vor oder nach der Rasur erfolgt eine antibakterielle Haarwäsche.

Die Donorzone sowie die Konturen der Empfängerzone werden mit einem Farbstift markiert, oft werden in der Empfängerzone noch weitere Orientierungshilfen eingezeichnet.

6.3.2 Im OP-Raum

Nun betreten Sie den Operationsraum. Für die Entnahme der Grafts werden Sie entweder aufrecht auf einem OP-Stuhl oder bäuchlings auf einer OP-Liege platziert (ähnlich wie eine Massageliege hat die OP-Liege eine von einem hufeisenförmigen Gelkissen umgebene Öffnung, auf die Sie Ihr Gesicht legen).

Überwachung der Vitalparameter

 Als nächstes werden die nötigen Vorkehrungen getroffen, um während des Eingriffs Ihre Vitalparameter überwachen zu können. Dazu gehört das Anbringen des Fingerclips, der während des Eingriffs Ihren Puls und den Sauerstoffgehalt Ihres Blutes misst, und des Handgelenk-Blutdruckmessgeräts. Bei Patienten mit Herz-Kreislauferkrankungen wird ein Dauer-EKG installiert. Ein venöser Zugang wird gelegt, um im Falle von Komplikationen schnell Medikamente verabreichen zu können.

Lokalanästhesie

Die Umgebung der Donorregion wird steril abgedeckt, und die Region selbst mit einem Desinfektionsmittel sterilisiert. Dann wird die Donorregion mit einem Lokalanästhetikum schmerzunempfindlich gemacht. Dazu werden an mehreren Stellen Injektionen gesetzt.

Zusätzlich empfiehlt sich die Anwendung der sogenannten Tumeszenzanästhesie, die gerade für Haartransplantationen eine Reihe von Vorteilen mit sich bringt.

Bei der Tumeszenzanästhesie wird das mit etwas Adrenalin versetzte Lokalanästhetikum mit einer größeren Menge steriler Kochsalzlösung verdünnt und langsam unter die Haut injiziert. Die Flüssigkeit lässt das Gewebe anschwellen und hebt die Donorregion auf einer Art Flüssigkeitskissen von den darunterliegenden Blutgefäßen und Nerven ab. Dadurch wird das Verletzungsrisiko für letztere deutlich verkleinert, und die Donorregion blutet während der Operation weniger (dabei hilft auch das Adrenalin, das die Blutgefäße zusammenzieht). Das Anschwellen der Haut vergrößert zudem den Abstand zwischen den einzelnen follikulären Einheiten und verringert damit auch das Risiko, bei der Entnahme des Donorstreifens (FUT) bzw. der einzelnen Grafts (FUE) benachbarte Follikel zu beschädigen.

Entnahme der Donorhaare

Wird eine FUT-Prozedur durchgeführt, wird nun der Donorstreifen herausgeschnitten – das dauert nur einige Minuten. Der Chirurg schneidet zunächst mit einem Skalpell die Umrandung des Hautstreifens, hebt ihn dann vorsichtig an und löst ihn vom darunterliegenden Gewebe.

Der Streifen wird in eine gekühlte Nährlösung gelegt. Die Ränder der Wunde werden zusammengezogen und auf der ganzen Länge miteinander vernäht oder geklammert. Im Interesse einer möglichst kleinen bzw. unauffälligen Narbe kann sich eine doppellagige Naht bzw. eine Naht mit der trichophytischen Verschlusstechnik empfehlen.

Bei einer FUE-Prozedur werden die Grafts einzeln mit einer rein manuellen oder motorisierten Hand-Mikrostanze oder mit Hilfe eines Roboters entnommen und in einer gekühlten Nährlösung aufbewahrt.

Bei größeren Prozeduren erfolgt die Entnahme der Grafts im Interesse einer optimalen Überlebensrate der transplantierten follikulären Einheiten in der Regel in mehreren Runden. Die im Verlauf von ein bis zwei Stundenen gewonnenen Grafts werden dann zunächst implantiert, und die Graft-Entnahme wird erst danach fortgesetzt.

Pause für die Präparation der Grafts

Während das chirurgische Team den Donorstreifen unter dem Mikroskop zunächst in schmale Streifen und dann in einzelne follikuläre Einheiten zerlegt (FUT) bzw. die einzeln entnommenen Grafts inspiziert und wenn nötig noch einmal teilt, beschneidet oder versäubert (FUE), können Sie Pause machen.

Implantation

Nun wird die Empfängerregion mit Injektionen eines Lokalanästhetikums schmerzunempfindlich gemacht. Mit chirurgischen Klingen und Nadeln unterschiedlicher Größen werden Kanäle und Schlitze zur Aufnahme der follikulären Einheiten in die Haut der Empfängerregion geschnitten. Die Verteilung und die Orientierung der Öffnungen entscheiden über das natürliche Erscheinungsbild des transplantierten Haars.

In einer haarlosen Empfängerregion werden zunächst alle Einschnitte gesetzt, bevor mit dem Einpflanzen der Grafts begonnen wird. Befinden sich dagegen noch eigene Haare in der Empfängerregion, wird in der Regel die sogenannte Stick and Place-Technik eingesetzt: Das bedeutet nichts weiter, als dass jeder Einschnitt unmittelbar mit einem Graft besetzt wird. Dafür reichen sehr feine Einschnitte aus, die wiederum eine besonders dichte Platzierung der follikulären Einheiten ermöglichen.

Viele Chirurgen bringen die Stick and Place-Technik auch nach abgeschlossener Bepflanzung einer haarlosen Zone als “finalen Touch“ zum Einsatz, um Lücken zwischen den bereits gesetzten Implantaten zu füllen und hier und da Extra-Grafts zu setzen, um zusätzliche Haardichte und an kritischen Stellen wie dem Haaransatz ein besonders natürliches Erscheinungsbild zu schaffen.

Bei großen FUE-Sitzungen kann sich die Abfolge von Graft-Entnahme und -Implantation bis zu dreimal wiederholen. Sogenannte Gigasitzungen können im Extremfall bis zu 20 Stunden dauern. Im Allgemeinen wird dabei auch Bart- oder Körperhaar eingesetzt. Die normale Dauer einer Haartransplantation beträgt in etwa sechs bis zehn Stunden.

6.3.3 Abschluss

Zum Abschluss wird das Haar nochmals mit einem antibakteriellen Shampoo gewaschen und das Behandlungsergebnis einer ersten Begutachtung unterzogen.

Mit einem Nachsorgepaket (medizinisches Shampoo, Lotion zur Wundpflege, kühlendes Kopfhautspray gegen Juckreiz, aufblasbares Nackenkissen für die Nacht) verlassen Sie die Klinik. Für den (meist kurzen) Rest des Tages sollten Sie sich nichts weiter vornehmen.

6.3.4 In den nächsten Tagen

Aus medizinischer Sicht sind dürften Sie normalerweise bereits am nächsten Tag wieder arbeitsfähig sein (sofern Sie kein Problem damit haben, sich mit Ihren Transplantationswunden draußen oder im Büro zu zeigen). Trotzdem können ein paar Tage Pause natürlich sinnvoll sein. Das Wichtigste ist jedoch, dass Sie in den folgenden Tagen alles tun, um Ihre Transplantate nicht zu gefährden.

In den ersten zehn Tagen sollten Sie die Kopfhaut der behandelten Regionen so wenig wie möglich berühren. Vor allem dürfen Sie dem sich sehr wahrscheinlich einstellenden Juckreiz nicht nachgeben und auf keinen Fall kratzen! Tragen Sie keine Mützen und am besten auch keine Oberteile, die Sie über den Kopf ziehen müssen (oder jedenfalls nur solche mit weitem Halsausschnitt), und vermeiden Sie beim Schlafen unbedingt Berührungen zwischen dem Kissen und der Kopfhaut der Donor- und Empfängerareale: Schlafen Sie auf der Seite, oder benutzen Sie ein Nackenkissen.

Waschen Sie Ihr Haar täglich ganz behutsam mit einem milden Shampoo, vermeiden Sie dabei jedes Reiben oder Rubbeln: Shampoo nur aufstreichen, mit sanftem Wasserstrahl abspülen und mit einem frisch gewaschenen Handtuch sanft trockentupfen. Wenn die Kopfhaut juckt, können Sie das Empfängerareal vor der Haarwäsche mit Bepanthenspray zur Wundpflege einsprühen und den Schaum dreißig Minuten einwirken lassen.

Jede Aktivität, die zu Schwitzen führt und/oder das Risiko von Stößen/Berührungen der Kopfhaut mit sich bringt, müssen Sie mindestens in den ersten beiden Wochen nach der Transplantation vermeiden. Nach vier Wochen können Sie wieder Sport treiben, auch Schwimmen ist nun wieder möglich.

Reguläre Kontrolltermine in der Haarklinik werden nach einer Woche (zur Beurteilung der Wundheilung), nach etwa einem halben Jahr und nach einem Jahr angesetzt.

6.3.5 Wie viele follikuläre Einheiten können in einer "Sitzung" transplantiert werden und wie lange dauert das?

Wie viele Grafts während einer Transplantationsprozedur verpflanzt werden können, hängt auch davon ab, was Ihr Chirurg sich und seinem Team zumuten möchte. Haartransplantationen sind für das ganze OP-Team harte Arbeit – und niemandem ist geholfen, wenn Chirurg oder Assistenten aus Müdigkeit, Erschöpfung oder wegen Schmerzen im Handgelenk Fehler machen und suboptimale Arbeit abliefern. Dies gesagt, ziehen unterschiedliche Fachleute die Grenzen unterschiedlich.

Jede Klinik kann heute 1500 Grafts an einem Tag entnehmen und implantieren. 3000 Grafts sind schon eine sogenannte Megasitzung. Von Gigasitzungen spricht man, wenn 4000 Grafts oder mehr in einer einzigen Sitzung transplantiert werden.[1] So viele Grafts auf einmal aus den Donorregionen des Kopfes zu entnehmen, ist allerdings zumindest bei der FUE-Methode unüblich – die Gesamtfläche der entstandenen Verletzungen ist groß, und dadurch kann es auch für die im Donorbereich verbliebenen Follikel Probleme geben. Bei Giga-FUE-Sitzungen werden daher in der Regel um die 2500 Grafts vom Kopf und der Rest aus der Region von Bart- oder Brusthaar entnommen. Mit der FUT-Methode lassen sich aus einem ausgedehnten Donorstreifen in einer Sitzung dagegen bis über 3000 follikuläre Einheiten gewinnen.

Im Übrigen ist es keine Schande und kein Zeichen von Inkompetenz, wenn eine Klinik die Menge der an einem Tag transplantierbaren Grafts beschränkt: Langfristig zählt für Sie als Patient nur die Qualität der geleisteten Arbeit. Für Sie heißt das allerdings, dass Sie bei größerem Haarbedarf eine Abfolge von zwei, vielleicht sogar drei Terminen benötigen.

Mit der FUT-Technik lassen sich 1500 Grafts in vier bis fünf Stunden transplantieren. Dieselbe Anzahl von Graft-Verpflanzungen dauert mit der FUE-Methode im Schnitt etwa sechs bis acht Stunden.

6.4 Risiken, Nebenwirkungen und Komplikationen von Haartransplantationen

In den ersten zwei Wochen nach dem Eingriff

Im Zuge der Wundheilung in Donor- und Akzeptorregion nach einer Haartransplantation sind bestimmte fast unvermeidliche Nachwirkungen zu erwarten. Dazu gehören Schwellungen und Rötungen der Kopfhaut, eventuell kleinere Blutungen und Schmerzen.

Nach einer Tumeszenzanästhesie treten in den Tagen nach dem Eingriff oft ausgeprägte Schwellungen im Gesichtsbereich auf. Das liegt einfach daran, dass sich die relativ großen Mengen unter die Haut gespritzter Kochsalzlösung unter dem Einfluss der Schwerkraft langsam nach unten bewegen. Diese Schwellungen können sehr besorgniserregend aussehen, sind aber eine normale Nachwirkung und im Allgemeinen kein Grund zur Sorge.

Während der Heilung bildet sich Schorf über den Wunden, Juckreiz kann auftreten (dem sollten Sie nicht nachgeben, um die körpereigenen Reparaturvorgänge nicht zu beeinträchtigen und keine Keime in die Wunden einzubringen). Der Juckreiz sollte sich etwa zehn Tage nach dem Eingriff bereits deutlich gebessert haben, in diesem Zeitfenster löst sich auch der Schorf nach und nach ab.

Seltene und kritische Nebenwirkungen sind Infektionen und Nekrosen der Kopfhaut im Gebiet der Transplantationswunden. Bessern sich die oben beschriebenen normalen Nachwirkungen der Haartransplantation nicht nach etwa einer Woche, liegt eventuell eine Infektion oder ein beginnender nekrotischer Prozess vor – ein Arztbesuch ist dringend angezeigt. Infektionen werden durch unzulängliche Sterilität der bei der Transplantation verwendeten Instrumente und Hilfsmittel bzw. durch Missachtung der Hygieneanforderungen während der Heilung verursacht; ein gewisses, sehr kleines Infektionsrisiko verbleibt jedoch auch bei bestmöglicher Hygiene. Nekrosen (absterbendes Gewebe) entstehen, wenn der Körper den Heilungsprozess nicht bewältigen kann. Das kann passieren, wenn zu viele Wunden zu eng beieinanderliegen. Schlechte Durchblutung der Kopfhaut (zum Beispiel infolge von Gefäßschäden durch Diabetes, oder bei Rauchern) erhöht das Nekroserisiko.

Eine seltsame kurzfristige Nebenwirkung von Haartransplantationen ist das Auftreten eines hartnäckigen Schluckaufs bei einem bestimmten kleinen Prozentsatz der Transplantationspatienten. Der Schluckauf kann während oder bald nach der Operation einsetzen und 48 Stunden, in Einzelfällen bis eine Woche lang anhalten.[2] Warum das passiert, ist unklar, es wird spekuliert, dass eine Reizung des weit verzweigten Vagusnervs durch den chirurgischen Eingriff in die Kopfhaut ursächlich sein könnte.[3] Die einzige in der Fachliteratur publizierte Angabe zur Häufigkeit von Schluckauf nach Haartransplantationen lautet 0.2 %.[4] Mitunter liest man Angaben von bis zu 10 %; diese sind unbelegt.

In den ersten Monaten nach dem Eingriff

Es ist zu erwarten, dass das Haar der transplantierten Follikel, selbst wenn es bereits etwas länger gewachsen ist, nun ausfällt und erst nach etwa drei Monaten wieder nachwächst. Auch in der Donorzone kann es zum zeitweisen Haarausfall kommen.

Relativ häufig tritt eine Entzündung der Follikel (Follikulitis) in Empfänger- oder Donorregion auf: Pickel oder Pusteln können das Resultat verletzter Talgdrüsen der Follikel sein, durch eingewachsene Haare (also nachwachsende Haare, die die Haut nicht durchbrechen können) oder in der Donorregion “vergessene“, verkehrt wieder eingeheilte Follikel verursacht werden.[5] Einfache Pickel verschwinden meist von selbst; entzündungshemmende Salben fördern die Rückbildung der Entzündung. In problematischeren Fällen ist meist ein kleiner chirurgischer Eingriff notwendig, um die Entzündung in den Griff zu bekommen.

Echte Zysten können entstehen, wenn es Zellen der obersten Hautschicht (Epidermis) in untere Hautschichten “verschlägt“ – und das kann bei einer Haartransplantation natürlich schon einmal in größerem Umfang passieren. Diese sogenannten Epidermoidzysten können wachsen und mit der Zeit tastbare und sichtbare fleischige Knötchen unter der Haut bilden. Die einzige Möglichkeit, sie loszuwerden, ist die sorgfältige chirurgische Entfernung. Bleiben dabei auch nur wenige Epidermiszellen im Gewebe, kann sich die Zyste daraus wieder regenerieren.

Ein Jahr und länger nach dem Eingriff

Das Ergebnis einer Haartransplantation kann frühestens ein Jahr nach dem Eingriff wirklich beurteilt werden. Erst dann zeigt sich mit einiger Sicherheit, wie viele Follikel die Transplantation überstanden haben, wie natürlich sich das neu wachsende Haar hinsichtlich Anordnung und Wuchsrichtung ausnimmt, und wie die Wunden der Haut in der Donor- und Empfängerregion verheilt sind.

Jetzt können ästhetische Unzulänglichkeiten der Transplantation zutage treten. Neben zu geringer Haardichte und unnatürlichem Haarbild gehören dazu auch bestimmte Hautprobleme infolge nicht zufriedenstellender Vernarbung. Im Donorgebiet ist das in erster Linie eine zu auffällige Streifennarbe nach FUT. Die nach FUE entstandenen sehr kleinen Narben machen sich im Allgemeinen kaum bemerkbar – jedoch werden die blassen runden Pünktchen umso sichtbarer, je dunkler die Haut und je kürzer das Haar ist.

Im Empfängergebiet wurde die Hautoberfläche durch das Einsetzen der Transplantate vergrößert. Das kann in seltenen Fällen zu Unregelmäßigkeiten im Hautbild führen: die Hautoberfläche ist nicht mehr glatt, sondern uneben. Solche Probleme können auch durch zu hoch oder zu tief eingesetzte Transplantate geschaffen oder verstärkt werden, sind dann also direkte Resultate einer fehlerhaften Behandlung. Als Fachbegriffe für diese Komplikationen haben sich die Bezeichnungen Cobblestoning (“Kopfsteinpflasterbildung“) und Pitting (“Grübchenbildung“) eingebürgert. Beim Pitting wachsen die Haare aus lauter kleinen Vertiefungen – die Kopfhaut ähnelt im Extremfall der Oberfläche eines Golfballs. Cobblestoning steht für gröber strukturierte Unebenheiten der Hautoberfläche. Beide Komplikationen treten bei den älteren Transplantationsmethoden (Punch Graft und Minigraft) häufiger auf als mit FUT und FUE. Ihre Korrektur ist relativ schwierig und erfordert weitere chirurgische Eingriffe.

6.5 Haartransplantationen vorausschauend planen

Sowohl der männliche als auch der weibliche androgenbedingte Haarverlust sind fortschreitende Störungen des Haarwuchses: In den androgensensiblen Bereichen der Kopfhaut kann das Haar überall dort, wo heute vielleicht noch eine befriedigende Haardichte vorhanden ist, in kommenden Jahren ebenfalls schütter werden. Wenn Sie sich für Ihre erste Haartransplantation entscheiden, sollten Sie daher wissen, dass Sie einen Weg einschlagen, der Sie unter Umständen von einer Transplantation zur nächsten führen kann.

Mit vorausschauender Planung können Sie und Ihr Chirurg die frustrierende "Verfolgungsjagd" bei fortschreitenden Haarverlusten aber potentiell entspannter gestalten. Leider ist es unmöglich, sicher vorauszusagen, wie sich Ihr Haaransatz mit der Zeit genau verhalten wird (auch wenn ein Blick auf den Haarstatus älterer männlicher Familienmitglieder zumindest Anhaltspunkte liefert).

Die wichtigste vorausschauende Maßnahme ist daher die möglichst lange Erhaltung eines möglichst großen Vorrats permanenter (nicht androgensensibler) Donorhaare. Dazu gehört der Verzicht auf riskante Transplantationen, die im Interesse einer zunächst imponierenden Haardichte im Empfängerareal Donorhaar vergeuden.[6]

In diesem Zusammenhang sollten Sie auch wissen, dass die FUE-Methode für die Überlebensrate sowohl der entnommenen wie der in der Donorregion verbliebenen Haarfollikel riskanter ist als die traditionelle Entnahme eines Donorstreifens per FUT: Follikel sind bei Entnahme von der Kopfhaut jeweils am inneren und äußeren Rand der herausgelösten Hautareale einem erhöhten Verletzungsrisiko durch Skalpell oder Stanze ausgesetzt, und je kleiner die Fläche der einzeln entnommenen Hautstückchen, desto größer ist bei gleicher Gesamtfläche natürlich die summierte Randfläche und desto größer die Anzahl der potentiell geschädigten Follikel.

Eine weitere mögliche vorausschauende Maßnahme besteht darin, im Rahmen einer Transplantationsprozedur Donorhaar in geringerer Dichte auch in momentan noch behaarte Areale zu verpflanzen, von denen erfahrungsgemäß erwartet werden kann, dass sie in näherer Zukunft von Haarverlusten betroffen sein werden.

Eine empfehlenswerte vorausschauende Maßnahme ist zudem die Kombination der Transplantation mit einer fortgesetzten medikamentösen Behandlung, also mit Minoxidil oder Finasterid, um das noch verbliebene Haar möglichst lange zu erhalten.

6.6 Haartransplantationsmathematik

6.6.1 Wie viele follikuläre Einheiten müssen transplantiert werden, um Haarverluste zu korrigieren?

Wie viele follikuläre Einheiten benötigt werden, um auf kahlen Stellen wieder eine zufriedenstellende Haardichte zu schaffen, hängt natürlich von der Größe der kahlen Stellen ab.

Generell gilt, dass für ein befriedigendes Ergebnis pro Quadratzentimeter mindestens 20 follikuläre Einheiten implantiert werden müssen. Natürliche Haardichten liegen bei gesundem Haar etwa bei 100 pro Quadratzentimeter. Mehr als 40 follikuläre Einheiten pro Quadratzentimeter können nicht implantiert werden, ohne die Integrität der Haut und damit das Überleben der Transplantate zu gefährden. Um höhere Haardichten zu erreichen, wären weitere Transplantationen notwendig, die erst durchgeführt werden können, wenn die in der ersten Sitzung implantierten follikulären Einheiten sicher etabliert sind (also nach einem Jahr oder später).

Mit dem Richtwert von mindestens 20 Grafts pro Quadratzentimeter ergeben sich folgende Abschätzungen für die Anzahl der benötigten follikulären Einheiten[7]:

  • Geheimratsecken mit oder ohne kleine Tonsur auf dem Scheitel (Norwood III, Norwood III vertex, Norwood IIIA): 1000 bis 2200 FUs
  • Fortgeschrittener Haarverlust im Frontbereich plus Haarverlust im Scheitelbereich (Norwood IV und V): 1600 bis 3500 FUs
  • Kaum verbliebenes Haar zwischen Front- und Stirnglatze (Norwood VI): 3000 bis 6000 FUs
  • Schmales verbliebenes Haarband an den Seiten und am Hinterkopf (Norwood VII)f: 5000 bis 8000 FUs

6.6.2 Wie viele transplantierbare follikuläre Einheiten stehen auf dem Kopf zur Verfügung?

Die Zone der Kopfhaut, in der androgenunempfindliche Follikel wachsen, ist relativ klein: Der permanent behaarte Streifen, der sich seitlich von Ohr zu Ohr über den Hinterkopf erstreckt, enthält nur etwa ein Viertel des gesamten Kopfhaars. Geht man von einer mitteldichten Behaarung aus, entspricht das etwa 12.500 follikulären Einheiten. Von denen ist maximal die Hälfte für eine Transplantation verfügbar – schließlich soll ja auch die Donorregion noch behaart bleiben. Das heißt, summa summarum können durchschnittlich etwa 6250 follikuläre Einheiten des Kopfhaars für Transplantationen genutzt werden. Jeder darüber hinausgehende Bedarf an transplantierbaren Haaren muss daher zwingend durch Barthaar oder Körperhaar gedeckt werden. Bart und Brusthaar bieten noch einmal jeweils 1000 bis 1500 transplantierbare follikuläre Einheiten.[8]

Diese 6250 follikulären Einheiten sollten der Kopfhaut keineswegs in einer Sitzung entnommen werden. Zum einen steigt durch den hohen Anteil verletzter Kopfhaut auch das Risiko einer Schädigung der verbliebenen Follikel. Zum anderen ist es immer sinnvoll, noch einen möglichst großen Vorrat von transplantierbaren Haaren für Korrekturen oder in Zukunft nötig werdende Transplantationen aufzusparen.